Kinderarmut in Nordrhein-Westfalen Ein Überblick

In NRW leben rund 3 Mio. Kinder und Jugendliche, darunter 22,6 Prozent in relativer Armut – das sind über 660.000 Kinder und Jugendliche. Sie leben mit ihren Eltern unterhalb der Armutsschwelle von monatlich rund 1900 € (Zwei Erwachsene, ein Kind).

 

Armutsgefährung auch in NRW

566.000 Kinder und Jugendliche in NRW leben in Bedarfsgemeinschaften und gelten daher als armutsgefährdet, das heißt, eine dreiköpfige Familie muss sogar mit knapp 1.500 € im Monat auskommen.

Diese Kinder und Jugendlichen leben mit erheblichen Einschränkungen: sie nehmen nicht am Miteinander teil wie andere Kinder im gleichen Alter, treiben zum Beispiel weniger Sport, lernen kein Instrument und können sich nicht in einem (kostenpflichtigen) Verein engagieren. Sie gehen fast nie ins Kino und können keine Freunde einladen, ihre Ernährungsgewohnheiten sind von preiswertem Fastfood geprägt, die Wohnverhältnisse sind beengt, weil die Miete zu teuer ist. Arztbesuche finden seltener statt, der Umgang mit Geld wird nicht richtig gelernt.

Probleme beginnen im Kleinkindalter

Weil die Eltern meist einen geringen Berufsabschluss haben, sind auch ihre Kinder schlecht ausgebildet. Meist beginnen die Probleme schon im Kleinkindalter, wenn sich die Eltern oder die alleinerziehenden Erziehungsberechtigten aufgrund der belastenden Lebenssituation weniger intensiv um das Kind kümmern können.

So ist zum Beispiel das Sprechen-Lernen für die betroffenen Kinder häufig erschwert, später stellen sich Schulerfolge nicht so leicht ein, der Abschluss ist meist schlechter als bei andere Kindern und Jugendlichen, die nicht von Armut betroffen sind. Häufig haben solche Kinder Schwierigkeiten beim Übergang von den Kindergarten in die Schule und von der Schule in die Berufsausbildung, also in Lebensphasen, die ohnehin für alle eine Herausforderung darstellen.

Gefangen in der Armutsspirale

Der fatale Zusammenhang von schlechten Startbedingungen und ausbleibenden Erfolgserlebnissen in beinahe allen Lebensbereichen wird Armutsspirale genannt: Sie verhindert nachweisbar die Chancen

  • im Leben, zufrieden zu sein
  • das eigene Potenzial zu entdecken und zu leben sowie
  • stärkende Beziehungen aufzubauen und zu pflegen.

Eine langfristige Perspektive auf das eigene Leben, mit allen individuellen Wünschen und Zielen, die planvoll verwirklicht werden, gelingt in der täglichen Anstrengung um die familiäre Versorgung und das persönliche Funktionieren nur selten. Ein gutes Leben sieht anders aus.

Langfristige Auswirkungen

So zeigt sich, dass ein Faktor – nämlich die finanzielle Unterversorgung – eine erhebliche und nachhaltige Wirkung auf das Leben der betroffenen Kinder und Jugendlichen hat. Armut dringt in alle Lebensbereiche und setzt sich dort als mangelnde Teilhabe fest. Kinderarmut ist daher, wie der Armutsforscher Christoph Butterwegge betont, keine Abweichung in der kapitalistischen Gesellschaft, sie ist vielmehr Teil eines Wohlstandslandes, in dem die finanzielle Ausstattung über Lebenschancen entscheidet. Je mehr die Wirtschaftskraft wächst, umso stärker tritt die Armut hervor, denn Löhne wachsen mit – Sozialleistungen nicht.

Hier allein einen Ausweg zu finden, ist umso schwerer, je mehr die Armut das Leben im Griff hat. So muss die Solidargemeinschaft aus Wohlfahrts-, Kinder- und Jugendverbänden, Träger der Kinder- und Jugendhilfe, Bildungseinrichtungen, kommunalen Behörden sowie privaten Stiftungen und ehrenamtlich Engagierten eingreifen, um die Folgen von Kinderarmut zu mildern und Wege aus der Armutsspirale zu ebnen.

Handlungsfelder der Armutsprävention

Die Handlungsfelder der Armutsprävention zielen vor allem darauf, die soziale und kulturelle Ausgrenzung einzudämmen. Teilhabe bedeutet, inklusive Angebote zu entwickeln, bei denen Kinder unabhängig von ihrer sozialen Herkunft zusammenkommen (können); idealerweise sind diese Angebote also für die Teilnehmenden kostenfrei.

Ein weiterer wichtiger Aspekt betrifft die Partizipation der Kinder und Jugendliche in prekären Lebenslagen, denn sie wissen am besten selbst, was sie brauchen. Diese Einbindung ist umso wichtiger, als die Kinder- und Jugendhilfe einen Bereich bildet, in dem die gesellschaftliche Schere nicht wirksam sein, sondern in diesem Bereich besonders gelebt werden sollte.

Strukturell sollte die Ganztags-Kinderbetreuung weiter ausgebaut werden, damit eine Vollzeit-Arbeitsstelle für beide Elternteile, insbesondere aber auch für Alleinerziehende möglich ist.
Erfolgsversprechend ist auch die besondere Unterstützung bei den Übergängen von der Kindertagesstätte in die Grundschule sowie von dort in die weiterführende Schule und die Berufs-(Ausbildung).

Darüber hinaus muss gesellschaftspolitisch weiter an einem durchlässigen Bildungssystem gearbeitet werden, das mehr individuelle Förderung ermöglicht und armutssensible Bildungs- und Betreuungsangebote macht. Insbesondere die Armutssensibilität ist ein zentraler Bestandteil der Inklusion.

Rein praktisch basieren solche Konzepte auf der Elternarbeit. Auch wenn theoretisch umstritten ist, ob Kinder, die in Armut leben, als autonome Subjekte nicht nur gesehen sondern auch in Recht gesetzt werden sollen, ist es für die Situation und die Interessen unabdingbar, die Eltern zu erreichen. Eine solche Strategie beinhaltet auch das gezieltes Vorgehen gegen die Verfestigung von Armut, die häufig von der Eltern- auf die Kindergeneration übergeht.

Einsatz gegen Kinderarmut: Unsere Forderungen

Ansprechpartner*in

Dr. Christine Kramer Kooperationsprojekt FH Bielefeld Referentin für Kinder- und Jugendhilfe/Forschungs- und Transferprojekt „Risiken von Kinderarmut“

Landesgeschäftsstelle
Kaiser-Wilhelm-Ring 50
50672 Köln

0221 949707-20
kramer(at)asb-nrw.de

Daniela Ernst Referentin für Kinder- und Jugendhilfe

Landesgeschäftsstelle
Kaiser-Wilhelm-Ring 50
50672 Köln

0221 949707-23
ernst(at)asb-nrw.de

Khadija Abourizq Landesjugendreferentin

Landesgeschäftsstelle
Kaiser-Wilhelm-Ring 50
50672 Köln

0221 / 949707-24
0221 949707-​19
abourizq(at)asb-nrw.de

Hanna Obert Landesjugendreferentin

Landesgeschäftsstelle
Kaiser-Wilhelm-Ring 50
50672 Köln

0221 949707-22
0221 949707-19
obert(at)asb-nrw.de